Letzte Aktualisierung:  23. Juni 2006, PK

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Peter Knauer SJ

 
Dialog mit dem Islam

Erschienen in:
Communitas. Pèriodique bimestriel: Foyer Catholique
Européen, Mai 2004, 910.


Das al-Qaida zugeschriebene Attentat in Madrid lässt sich kaum anders als mit dem lateinischen Sprichwort “corruptio optimi pessima” beschreiben und erklären. Wenn das Beste verfälscht wird, kann nur das Schlimmste entstehen.

   In Wahrheit ist der Islam eine der großen Weltreligionen mit einer für viele Menschen außerordentlich überzeugenden Kraft. In der Kirchenkonstitution des II. Vatikanums heißt es zum Verhältnis der katholischen Kirche zum Islam: “Gottes Heilswille umfasst auch diejenigen, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen vor allem die Muslime, die sich darauf berufen, den Glauben Abrahams zu haben und mit uns Gott als den Einzigen, den Barmherzigen anbeten und als den, welcher die Menschen im Jüngsten Gericht richten wird” (n. 11). Ausdrücklich wird die Gemeinsamkeit in der Anbetung ein und desselben Gottes betont.

      Die 34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (1995) hat daraufhin in ihren »Ergänzenden Normen« zu den Satzungen des Ordens geschrieben: “In Anbetracht der Spaltungen, Missbräuche und Konflikte, zu denen die Religionen, auch das Christentum, im Laufe der Geschichte geführt haben, versucht der Dialog, der einigenden und befreienden Kraft, die jeder Religion innewohnt, zum Durchbruch zu verhelfen und so die Bedeutung der Religionen für das Wohl der Menschheit, für die Gerechtigkeit und für den Frieden in der Welt hervorzuheben.” (n. 225)

    Es geht im Dialog darum, die Stärken des jeweils anderen zu erkennen und einander so zu verstehen, dass sich beide Seiten verstanden fühlen. Dann wird man nicht mehr voreinander Angst haben müssen:

    Im Folgenden soll für einen solchen Dialog eine der Schlüssel-Suren für das Verständnis des ganzen Korans interpretiert werden. Ich hoffe, dass sowohl Christen wie Muslime dieser Interpretation werden zustimmen und darin tatsächlich die einigende und befreiende Kraft entdecken können, die auch dem Islam innewohnt. Die 93. Sure lautet:
 

Der lichte Tag
Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!

1.      Beim lichten Tag!
2.      Und bei der dunklen Nacht, wenn sie still wird!

3.      Der Herr hat dich nicht verlassen und er verabscheut dich nicht!
4.      Und wahrlich, das Jenseits ist besser für dich   als das Diesseits.
5.      Und der Herr wird dir gewiss bald geben, und du wirst zufrieden sein.

6.      Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf?
7.      Und fand er dich nicht verirrt und leitete dich?
8.      Und fand er dich nicht arm und machte dich reich?

 
9.      Daher, was die Waise anlangt, benachteilige sie nicht!
10.   Und was den Bittsteller anlangt, weise ihn nicht ab!

11.   Und was deines Herrn Wohltaten anlangt, sprich darüber!

      Das Grundanliegen des Islam besteht in der Anerkennung der Absolutheit und Transzendenz des einen Gottes, des Schöpfers von Himmel und Erde. Gemeinsam mit uns Christen verstehen die Muslime Gott als den, ohne den nichts anderes existieren könnte und welcher deshalb der Eine und Unveränderliche und Ewige ist. Auch die Muslime sehen die Welt als “aus dem Nichts geschaffen” an: Könnte man ihr Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von ihr übrig.

     Mit einer einzigen Ausnahme beginnen alle 114 Suren des Korans mit der Anrufung Gottes als des Barmherzigen. Gibt es etwas Größeres als die Barmherzigkeit Gottes?

    Vers 1–2: Im Folgenden geht es um das, was alle Situationen des Menschseins umfasst, den hellen Tag, die dunkle Nacht. Es gilt im Leben und im Sterben und ist einfachhin wichtig.

     Vers 3–5: Gott, der der Schöpfer der Welt ist, ist barmherzig, selbst wenn man dies an der Welt nicht ablesen kann, sondern nur an dem, was er verheißt. Dass auf seine Barmherzigkeit Verlass ist, daran soll man auch in jeder Not festhalten.

      Vers 6–8: Gott hat sich uns gegenüber in so vielem als barmherzig erwiesen.

    Vers 9–10: Weil Gott uns barmherzig ist, müssen wir nicht mehr aus der Angst um uns selber leben, sondern können einander barmherzig sein, und wir sollen es auch.

     Vers 11: Die Religion besteht darin, Gott gerade damit zu loben und zu preisen, dass man dies weitersagt.

    Was können wir Christen zu einer solchen Sure sagen? Es handelt sich um eine wunderbare Zusammenfassung dessen, worum es in jeder wirklichen Religion letzten Endes geht. Auch unser christlicher Glaube kann die Aussage dieser Sure nicht noch überbieten. Soweit also die Interpretation.

    Allerdings hat bereits in der Frühzeit des Islam ein islamischer Theologe eine ungewöhnliche Frage gestellt. Wenn Gott absolut und transzendent ist, wie kann man von ihm dann sagen, er habe zu Abraham oder zu Mose oder zu Mohammad “gesprochen”? Wie kann man von ihm sagen, er sei uns barmherzig? Kann Gott in seinem Verhalten von uns Menschen abhängig sein? Weil damals niemand auf diese Frage, die letztlich alle Offenbarung in Frage stellt, antworten konnte, wurde der Frager, Dja’d Ibn Dirham (um 745), verbrannt. Aus Sprachlosigkeit erwächst immer Gewalt.

      Unsere christliche Antwort lautet – wie wir vielleicht erst heute deutlich erkennen –, dass Gottes Liebe zu uns in der Tat nicht an der Welt ihr Maß haben kann, sondern dass wir in eine Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist, aufgenommen sind. Weit davon entfernt, damit in eine Dreigötterlehre zu verfallen, sprechen wir so, gerade um das Grundanliegen des Islam, die Einzigkeit und Absolutheit Gottes auf der einen Seite und seine Barmherzigkeit auf der anderen Seite zu wahren.

     Personsein bedeutet Selbstpräsenz, Bezug einer Wirklichkeit auf sich selber. Wir sprechen von drei Weisen der Selbstpräsenz des einen und einzigen Gottes.

       Und wir sagen, dass der Mensch Jesus in die Selbstpräsenz Gottes, welche wir die zweite Person nennen, hineingeschaffen ist, so dass er uns in seinem menschlichen Wort das sagen kann, was Gott uns sagen will. Die Beziehung des Gottseins auf diesen Menschen hat nicht an ihm ihr Maß, sondern ist eine Selbstpräsenz Gottes, in den dieser Mensch hineingenommen ist. Weil es Wort nur als menschliches Wort gibt, ist der Begriff “Wort Gottes” erst dann definitiv verständlich, wenn Gott als Mensch begegnet.

    An Jesus als den menschgewordenen Sohn Gottes glauben bedeutet, aufgrund seines Wortes darauf zu vertrauen, selber zusammen mit der ganzen Welt in die ewige Liebe Gottes zu Gott aufgenommen zu sein. Man braucht nicht mehr aus der Angst um sich selber zu leben. Alles, was wir Christen glauben, lässt sich in diesem Satz zusammenfassen. Aber dieser Satz lässt auch das als definitiv wahr erkennen, was in Sure 93 steht.






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